Che sorpresa – was für eine Überraschung!

Anlässlich eines Weindegustation rund um das spannende Thema Sizilien, sind mir noch einige ‘Lager-Leichen’ in den Gang gehüpft. Unter anderem der reinsortige Nero d’Avola ‘RossoJbleo’ 2004 aus der Anbauzone Pachino im Südosten der Insel, sowie der 2006er Cerasuolo di Vittoria DOCG aus der Provinz Ragusa. Bereits gestern hatten wir die single-vineyard Weine NeroMaccarj und NerooBuffaleffj bei einer imposanten Verkostung im Glas. Hinter diesen Weinen steht das Weingut Gulfi, welches von Besitzer Vito Catania mit dem maximal-ehrgeizigen Ziel gegründet wurde, Weine auf burgundischem Topp-Niveau zu vinifizieren. In Sizilien wohlgemerkt. Im Südosten. Südlicher gelegen als bspw. Tunis in Afrika. Dass muss man erst mal sacken lassen…

Im Gegensatz zu den single-vineyards (vier Crù-Lagen sind von Önologe Salvo Foti in Pachino ‘identifiziert worden) sehen der einfache Rosso und der Cerasuolo ausser der Transportpalette nie Holz, soll heissen: kompletter Ausbau im Stahltank. Nachdem diese Weine vor 2 oder 3 Jahren eher tot den lebendig im Glas ein sensorisches Trauerspiel abgaben, hatte ich nun keine Hoffnung auf den ‘Auferstanden-aus-Ruinen’ -Effekt. Gut, eine letzte Chance vor der finalen Entsorgung sollte denn doch sein…
rossj-1Und was soll ich sagen: das Burgund liegt definitiv in Sizilien! Ganz besonders der Rossojbleo mit seinen knapp 12 Jahren macht richtig Spass. In der Nase Zwetschge und Schwarzkirschkonfitüre, etwas erdige Würze, feinbitteres Tannin, schöne Salzigkeit. Erinnert an einen gereiften Spätburgunder, jedoch mit deutlich südlicheren Anklängen. Blind hätte ich diesen Wein als ein ‘Hochgewächs’ vom Etna eingestuft (hier wachsen die Reben bis auf 1000m Höhe im ‘gemäßigten’ Klima!). Toll auch der Beweis, dass es definitiv keinen Holzausbau für den roten Nero d’Avola braucht; das Terroir, diese einzigartige Mineralität der sizilianischen Böden macht hier einen perfekten Job. Und gerade in Pachino, der historischen Wiege des Nero d’Avola, scheint die Mischung aus heissem Klima und Bodenstruktur perfekt zu sein.

cerasuolo-1Nicht ganz auf dem Niveau bewegt sich der Cerasuolo di Vittoria DOCG, einer Anbauzone weiter westlich in der Provinz Ragusa. Hier verleiht die Bodenstruktur dem Nero d’Avolo weniger Würze denn fruchtige Noten. Himbeertöne sind typisch, oftmals auch gelbfruchtige Nuancen von Pfirsich und Aprikose. Obligatorisch für diese recht junge DOCG (die höchste Qualitätsstufe im italienischen Weinbau) ist eine Cuvée aus Nero d’Avola und der autochthonen (=endemischen) Sorte Frappato. Der 2006er glänzt denn auch mit der typischen Note nach Himbeerkonfitüre, wirkt aber im Mund etwas strenger, bitterer als der RossoJbleo. Der Wein braucht eindeutig Luft, nach knapp 2 Stunden entwickeln sich Noten von Zartbitterschokolade und Toffee.

Aber Achtung: wer jetzt von diesen Weinen angefixt ist, sollte sich immer desssen bewusst sein, dass wir hier nicht von jugendlichen Weinen mit frischer Frucht sprechen. Wir sprechen über Weine mit Reifung, mit Sekundäraromen. Weine die aufgrund ihrer Würze keine gemütlichen ‘so-mal-eben-neben-dem-Tatort’ Schlucker sind, sondern eher perfekte Essensbegleiter, elegant, subtil und fein. Wer gereifte Burgunder mag und keine 30 Euro für eine Flasche ausgeben mag, sollte bedingungslos zugreifen!

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