‘New World’ Weine

Komisch, wir sprechen gerne pauschalisierend von ‘New World’ Weinen -und werfen damit sprachlich alle Weine aus ‘Übersee’ in eine geschmacklichen Topf. Sollte man beispielsweise ‘California’ und ‘New Zealand’ in einem Atemzug nennen?

Wente/ California
Carl H. Wente gründete im Jahr 1883 das Weingut, indem er knapp 20 im Livermore Valley erwarb. 1912 war es sein Sohn Ernest, der Chardonnay Klone von der Universität zu Montpellier in Frankreich erwarb. Man vermutet, dass heute knapp 80% aller kalifornischen Chardonnay Rebstöcke auf dem ‘Wente-Klon’ basieren. Das Livermore Valley befindet sich knapp 1 Autostunde östlich von San Francisco. Das Weingut, das älteste noch rein familiengeführte Weingut der USA, wird heute in 5. Generation betrieben. Typisch amerikanisch ist der Betrieb heute multifunktional aufgestellt: es gibt einen von Greg Norman entworfenen Golfplatz, es gibt einen Wente Wine Club, eine exquisites Restaurant, Tagungs- und Feiermöglichkeiten etc.
Die Top-Range der Weine erreicht mühelos 3-stellige Verkaufspreise. Aber gerade die ‘Gutsweine’ vom winemaker Karl H. Wente machen richtig Spass: sehr sortentypisch, elegant, sehr dezenter Holzeinsatz. Der ‘Morning Frog’ ein wunderbarer, trockener Chardonnay (1g RZ!) mit sehr viel exotischer Frucht auf wunderbar dezenter Holznote. Nicht buttrig, nicht breit, erinnert fast schon an’s Burgund. Und das für € 10,90 die Flasche? Perfekt!
Interessant auch der ‘Riverbank’-Riesling, den wir allerdings nicht im Sortiment führen: mich hat interessiert, wie die Kalifornier den ‘German Riesling’ interpretieren. Pfälzer Style? Rheingau? Oder eher Mosel? Und dann ist es tatsächlich die Mosel-Stilistik, die die Kalifornier nahezu so perfekt ‘kopieren’, dass man glaubt man wäre in Pünderich oder im Ürziger Würzgarten. Verrückt!
Im Sortiment hingegen vorhanden ein Rotwein aus der Zinfandel-Traube. Zinfandel ist eng verwandt mit der italienischen Rebsorte ‘Primitivo’. Und was soll ich sagen: wenn wir auch wieder von ‘Kopieren’ sprechen, dann verneige ich mich vor Karl H. Wente: er kopiert den eleganten, ursprünglichen Primitivo-Stil, wie er vor 20 Jahren noch die große Entdeckerlust für Primitivo in mir ausgelöst hat. Komplett trocken (1g !) und nicht so mit Restzucker auf Gefälligkeit getrimmt wie all’ das was uns seit Jahren aus Süditalien Fruchtsuppen-mäßig überschwemmt. Fast schon burgundisch elegant, zärtliche Noten von Blüte, etwas Kirsche und diese typische Primitivo/ Zinfandelnote nach reifer Feige. Auch hier sind die € 10,90 je Flasche wieder absolut perfekt und genussvoll investiert. Fazit: über Bord mit allen Vorurteilen über ‘amerikanische Weine’: diese Weine können ganz große Eleganz!

Mount Riley – Marlborough
Sprachen wir eingangs pauschalisierend von ‘den’ Überseeweinen, müssen wir uns nun in San Francisco in den Flieger setzen um in knapp 20 (!) Flugstunden (!!) südwestlicher Richtung den Ort Benheim im neuseeländischen Weinbaugebiet ‘Marlborough’ zu erreichen. Auch dieser Weinbaubetrieb befindet sich in Familienbesitz, jedoch mit weitaus geringerer Historie als Wente: erst 1992 wurde die Farm von John Buchanan gegründet. Das Weinbaugebiet liegt am nördlichen Zipfel des Südteil von New Zealand. Benheim befindet sich etwas landeinwärts der berühmten ‘Cloudy Bay’ Bucht. Der Pazifik mit seinem ‘cool climate’ Einfluss ist geradezu prädestiniert für frische, knackige Weissweine. Wer hätte das gedacht, dass wir in Deutschland einmal derart heisse Jahrgänge in Folge haben – und uns nun nach den wirklich (noch) ‘kühlen’ Plätzen in der Weinwelt umschauen müssen…
Wenn man von neuseeländischen Weinen spricht, landet man unweigerlich sofort bei der Rebsorte Sauvignon Blanc. Der ‘Limited Release’ glänzt mit grasig-minzigen Aromen, aber auch deutlichen Noten von Mango und Ananas. Saftig & herzhaft zugleich! Besonders die tolle Länge und Eleganz macht den Limited zu einem deutlich besseren Kauf als es der ‘Basis’-Sauvignon ist ; die € 10,90 sind hier meines Erachtens perfekt investiert.
Sicherlich hätte man neben Sauvignon Blanc eher Chardonnay als nächste Rebsorte im Hinterkopf – aber Pinot Gris? Und doch: der Pinot Gris mit seiner teilweisen Vergärung im Barrique ist wirklich ein Schmeichler vor dem Herrn. Mit 6 g Restzucker nicht komplett trocken, aber super passend zur Säure und zu den Gerbstoffen. Hier sind die 10,90 auch wieder sehr genussvoll investiert. Cheers!