‘Hast du etwas Zeit für mich…

…singe ich ein Lied für dich’. Wer erinnert sich nicht an die berühmten ’99 Luftballons’ von Nena in den 1980er Jahren. Das Wort ‘Zeit’ möchte ich aber gerne wieder in die Erinnerung der Weintrinker rufen. Wir sind heutzutage -wie in vielen Bereichen des Alltags- gewohnt, etwas genau für den Konsum jetzt-hier-und-heute zu kaufen. Korken raus, rein ins Glas, ‘Hurra-die-Waldfee’ Genuss und Spass verspüren. Das funktioniert auch mit vielen Weinen recht unproblematisch, wenngleich auch hier etwas Geduld für das ungleich größere Geschmackserlebnis sorgen würde.
Was ist aber mit Weinen, die in dieses Schema nicht passen? Sie fallen in Verkostungen in der Regel gnadenlos durch! Nehmen wir einen Barolo aus dem Piemont. Vinifiziert aus der Nebbiolo-Traube, die fast ausschliesslich in und um die Provinz Alba produziert wird. Eine Traube voller Gerbstoffe, voller Säure, verhalten in der Farbe, speziell und unverwechselbar zugleich. Drei Jahre Fassreife sind laut Disziplinar obligatorisch, danach noch eine gewisse Zeit auf der Flasche. Aktuell ist der 2014er von Bel Colle verfügbar. Ein genauso unfertiger wie faszinierender Wein aus der berühmten Einzellage ‘Monvigliero’. Hatte bei Vino & Kino mit seiner Strenge, mit seiner Jugendlichkeit, keine Chance gegen die ‘charmanten’ Rotweine aus Spanien. Ein schlechter Wein? Nein, ein Wein voller Mystik und Faszination, den ich als ‘Rest’ aus der Verkostung geniessen durfte! Da war er 3 Tage offen und zeigte schön, wo die geschmackliche Reise hingeht. Feine ätherische Fruchtnoten, etwas Toffee, viel Gewürz, saftige Säure, zupackendes Tannin, das nicht ruiniert.
Oder der Amarone von Biscardo. Bis vor 3 Wochen durfte ich noch vor dem 2013er niederknien, ein umwerfender Wein! Nun ist dieser Jahrgang komplett, vergriffen, der 2015er ist nun aktuell im Verkauf. Natürlich ist dieser noch etwas kratzig am Gaumen, noch nicht in kompletter Harmonie verwoben. Aber auch hier: 4 Tage offen – und meine Frau sagt ‘was für ein toller Wein!’

Was bedeutet das für Sie als Kunde & Konsument? Sie müssen mutig sein. Sie müssen mutig & gewillt sein, einen Wein heute zu kaufen, den Sie besser erst morgen trinken. Sie können nicht darauf hoffen, dass Winzer & Händler ständig mit trinkreifen Jahrgängen verfügbar sind. Dass mag bei großen Anbaugebieten, bei unbekannten Anbaugebieten funktionieren. Aber bei berühmten Appellationen funktioniert es garantiert nicht. Sie müssen sich diese Weine nicht kistenweise weglegen – aber ich persönlich habe immer 3-4 sorgsam gereifte Barolo, Amarone, Barbaresco oder Mosel-Rieslinge im Regal. Weil ich weiss, dass diese mir an besonderen Tagen mit besonderen Leuten unvergleichliche Freude bereiten. Weil sie sich geschmacklich vom mainstream genauso abheben wie eben jene Tage. Freunde und Momente. Nehmen Sie sich Zeit. Für sich. Und die Weine!

NEU: Oropasso, die weisse Schwester des Neropasso

Der ‘Neropasso’ als Roter mit seinem saftigen Cassis-Aroma hat schon seit Jahren eine treue und zufriedene Trinkerschar um sich geschart. Nun hat uns auch der weisse ‘Oropasso’ so richtig überzeugt. Aus den Trauben Garganega (die ‘Soave-Traube’) und Chardonnay wird dieser saftige und mundvolle Wein gekeltert. Der Chardonnay-Anteil wird fast schon überreif geerntet und verleiht dem Wein ordentlich Bums. Die Garganega-Traube mit ihrer Würze verhindert aber perfekt, dass der Chardonnay uns aromatisch davon galoppiert. Eine tolle, sehr saftige, geschmeidige und ungemein animierende Cuvée. Oder anders: molto lecker!!!

‘Oropasso’ Veneto Bianco IGT 2017 – Biscardo (750ml/ € 8,50 – Literpreis € 11,33)

 

Baglio Gibellina aus Sizilien: neue Jahrgänge

Mit dem Weingut ‘Baglio Gibellina’ haben die beiden Veroneser Brüder Maurizio und Martino Biscardo den berühmten richtigen Riecher gehabt. Rechtzeitig erkannten sie, dass um Nero d’Avola und Co. ein ‘Hype’ entstehen würde. Hierzu muss man wissen: Verona ist für Italien das, was die Stadt Bordeaux für Frankreich. Hier sitzen die großen Handelshäuser und Weinmakler, hier wird der Preis für Fasswein gemacht, hier wird analysiert und investiert. Von hier geht der italienische Wein in alle Länder dieser Welt…
Es mag daher nicht verwundern, dass die Weine von Baglio Gibellina eher etwas moderner vinifiziert sind. Der Rotwein ‘Terremoto Rosso’ beispielsweise (ein Blend aus Nero d’Avola und Merlot), welcher der manchmal doch etwas kantigen sizilianischen Ur-Sorte Nero d’Avola eine Weichheit und angenehme Mundfülle verleiht. Der Rote ‘U Passimento’ kann hingegen nicht verleugnen, dass seine Weinmacher ihre Heimat im Veroneser Valpolicella  haben: ein Teil der Trauben wird wie beim Amarone angetrocknet, um Fülle und Konzentration zu erreichen. Und da ist noch ein Weisswein, bei dem mir das Herz aufgeht: ein sortenreiner Zibbibo! Zibbibo ist eine uralte Rebsorte, die als ‘Moscato d’Alessandria’ bekannt ist und somit aus dem alten Ägypten stammen dürfte. In der Regel werden aus ihr süße Dessertweine gekeltert, jedoch  in den letzten Jahren auch verstärkt ‘trockene Weissweine’ vinifiziert. Sehr zitrus-fruchtig, aber auch mit wunderschöner Würze am Gaumen. Für meinen Begriff lässt sich ein Sommertrag nicht perfekter ausklingen als mit einem Glas Zibbibo!

gibbelina - 1

 

‘Orgoglio’ Sicilia Bianco IGT 2014 – Baglio Gibbelina (€ 7,50/ 750ml Flasche)
-reinsortiger Zibbibo, im Edelstahltank vinifiziert. Obwohl Sizilien nicht gerade mit üppiger Säure ausgestattet ist, bewahrt dieser originelle Weisswein seine Frische, driftet nie ins Seifige oder ins Parfümierte ab. Lecker!-

Nero d’Avola Sicilia IGT 2014 – Baglio Gibellina (€ 6,50/ 750ml Flasche)
-für mich ein sehr typischer Nero d’Avola: würzig, erdig, Schwarzkirsche-

Nero d’Avola Salaparuta DOC 2014 – Baglio Gibellina (€ 7,50/ 750ml Flasche
-die DOC Salaparuta im Westen Sizilien ist Italiens größtes zusammenhängendes Weinbaugebiet. Für den Nero d’Avola ist ein Mindestanteil von 65% Pflicht. In diesem Wein erhält der ‘Nero’ Unterstützung durch jeweils einen kleinen Anteil Syrah und Merlot (mit Holzfassausbau). Das gibt den erdig-würzigen Noten des Nero etwas mehr Frucht und Weichheit, nimmt ihm natürlich auch etwas von dem rauhen, ursprünglichen Charme.-

‘Assurdo’ Rosso Sicilia IGT 2012 – Baglio Gibellina (€ 11,90/ 750ml Flasche)
-60 % Pinot Nero (Spätburgunder) ‘küssen’ hier 40% Nero d’Avola. Wer jetzt denkt, Pinot Nero ‘funktioniert im ‘heissen’ Sizilien nicht, sieht sich getäuscht. Zwar muss der Pinot schon Ende August gelesen werden, aber durch die verfeinerung in 500l Holzfässern erhält er eine ungemein geschmeidige Textur. Zusammen mit dem ‘ungestümen’ Nero d’Avola ergibt dies einen sehr eleganten Wein.-

‘Terremoto’ Rosso Sicilia IGT 2011 – Baglio Gibbelina (€ 12,90/ 750ml Flasche)
– knapp zwei Drittel Merlot (im Holzfass gereift) und ein Drittel Nero d’Avola ergeben einen dichten, üppigen Wein, der dennoch Eleganz versprüht. Anfangs ist der Wein verschlossen, die 14,5% Alkohol ‘stechen’ ein wenig in Nase und am Gaumen. Dann geht aber minütlich die Post ab: Noten von Pfeffer, Teer, Graphit und Nougat entwickeln sich, dazu Cassis und Brombeere. Nach einer Viertelstunde entwickelt der Wein eine Eleganz und Trinkigkeit, dass das Glas -wie von Geisterhand- immer leer ist 🙂
Dieser Wein hat bei der MUNDUS-Vini Verkostung die Goldmedaille erzielt!-

‘U Passimento’ Sicilia Rosso IGT 2015 – Baglio Gibbelina (€ 8,90/ 750ml Flasche)
– zu 30% aus der Sorte Frappato, die zeitig geernet wird um Frische zu konservieren, und zu 70% aus Nero d’Avola, die am Stock angetrocknet werden. Erinnert nicht nur in der Traubenzusammensetzung sehr stark an einen Cerasuolo di Vittoria aus dem Südosten Siziliens: der Frappato verleiht sehr fruchtige und blumige Noten, die Einen sofort aus dem Glas heraus anhüpfen. Der Nero d’Avola ist ungemein geschliffen, so dass der Wein wie Samt und Seide daherkommt. Tipp: ruhig leicht gekühlt bei 14° trinken!